«….soll auf die Dauer ermüdend sein»

1. April 2026
Das Schulturnen war lange militärisch geprägt und wurde von Stand-, Frei- und Marschübungen dominiert. Wir blicken ins «Turnexamen von Herisau» vor 127 Jahren und andere Unterlagen, die den Lehrern zur Unterrichtsvorbereitung dienten.

«An- und Abtreten auf 1 Glied. Nummerieren. Achtungsstellung. Ruhen. Richten. Viertelsdrehungen und halbe Drehungen stehenden Fusses mit zwei und mit einer Bewegung. Taktschritt, Kurztreten, Gehen rückwärts.» Das «Turnexamen für Herisau» von 1899 forderte diese Übungen von Unterstufenschülern. Das Schulturnen war einst sehr stark von der militärischen Note geprägt. Es diente der körperlichen Ertüchtigung als Vorbereitung auf die Wehrzeit. Lange lag das Hauptgewicht auf Kraft- und Leistungsübungen für Männer und Knaben. Ab 1874 war auf schweizerischer Ebene das Knabenschulturnen obligatorisch. Immerhin erteilten gemäss alten Protokollen schon 1888 einige Herisauer Lehrer freiwillig Mädchenturnen, in der Primarschule eingeführt wurde es 1905 auf Initiative des Lehrerturnvereins. 

«Je nach Alter: Ruhn!»
Kein Gebiet des Turnens sei für die Volksschule so nutzbringend und für die Schüler so anregend wie dasjenige der Freiübungen, ist einem Büchlein zu entnehmen, das ein Zürcher Lehrer 1891 verfasst hat und für 1.50 Franken erworben werden konnte. Da heisst es unter anderem: «Nachdem alle auf eine oder zwei Reihen angetreten sind, wird kommandiert: ‘Achtung, steht!, worauf dieselben die in der Zeichnung dargestellte Stellung einnehmen. Letztere soll nicht etwa eine schlaffe, träge Haltung bekunden, sondern soll auf die Dauer für die Schüler ermüdend sein. Es ist deshalb notwendig, dass, je nach Alter, nach einer gewissen Arbeitszeit und beim Erklären von Übungen ’Ruhn!’ erteilt wird.»

Die Tipps an die Lehrer
Allein die Übungen zum Zehenstand, zu Fusswippen, Kniebeugen, Knieheben und Schrittstellungen machen im erwähnten Büchlein 30 Seiten aus. Darin sind nebst Übungsbeispielen grundsätzliche Erklärungen zum geschickten Vorgehen des Lehrers abgedruckt: «Ein lebendiges, bestimmtes Kommando behält die Schüler stets auf dem erforderten Grad geistiger Frische und Aufmerksamkeit und spornt sie jederzeit zu rascher und zielbewusster Ausführung an, während ein laxer, ich möchte fast sagen gleichgültiger Kommandoton gerade das Gegenteil dessen bewirkt, was man vom Turnen verlangt, die Schüler einschläfert und ihnen die Freude an körperlichen Übungen raubt. Es ist nicht gesagt, dass die Stimme bis zum Schreien forciert werden muss, aber auch nicht, dass sie den Weg des Flüstertons betreten soll. Das Kommando soll niemals heruntergelesen werden; frei, ohne jegliche Hilfsmittel, trete der Lehrer vor die Schüler.»

1896 der erste Fussball
Aber militärisch-stramme Einheiten waren nicht alles. Schon 1896 schafften die Lehrer in Herisau den ersten Fussball an, 1905 den ersten Handball. Unter den Spielen, die das Programm des Lehrerturnvereins Herisau bereicherten und Einfluss auf das Schulturnen hatten, nahmen Völkerball und Faustball lange den grössten Platz ein. Ordnungs- und Freiübungen hielten sich allerdings lange als hauptsächliche Inhalte der Turnstunden. Erst etwa 1960 nahm die sportliche Vielfalt in der Schule richtig Fahrt auf.

Schulturnen anno dazumal: Doppelseite aus der Broschüre «Freiübungen im Stand für die Schule» von 1891.
Schulturnen anno dazumal: Doppelseite aus der Broschüre «Freiübungen im Stand für die Schule» von 1891.

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