Wir sind das letzte Auffangnetz

6. Mai 2026
Rouven Michel ist seit bald 18 Jahren für die Sozialhilfe der Gemeinde tätig. Der Abteilungs- und Bereichsleiter gibt Einblick in menschliche Schicksale und erklärt, weshalb die Arbeit des Teams über die blosse finanzielle Unterstützung hinausgeht.

Rouven Michel, was ist die Hauptaufgabe der Sozialhilfe?
Wir sichern die Existenz von bedürftigen Einwohnerinnen und Einwohnern. Darüber hinaus übernehmen wir eine beratende Funktion und leiten integrative Massnahmen ein, damit unsere Klientinnen und Klienten wieder finanziell selbstständig werden.

Diese finanzielle Selbstständigkeit ist das eigentliche Ziel?
Ja, unser Ziel ist, dass die Klientinnen und Klienten langfristig wieder auf eigenen Beinen stehen können. Die Sozialhilfe ist das letzte Netz, wenn andere Instrumente wie beispielsweise Leistungen der Arbeitslosenversicherung oder Krankentaggelder ausgeschöpft sind. Wenn unsere Leistungen ausbleiben oder wegfallen, haben die Betroffenen nichts mehr. Mit dem sozialhilferechtlichen Existenzminimum auszukommen, ist nicht einfach. Da sprechen wir von monatlichen Leistungen von etwa 2000 Franken für eine alleinstehende Person.

Das klingt nach Konfliktpotenzial.
Konfrontationen gehören leider zum Alltag. Die Betroffenen stehen oft unter einem enormen Druck, schliesslich geht es um ihre Existenz. Entsprechend entladen sich bei uns auch negative Emotionen. Wenn jemand den monatlichen Bedarf nicht mehr aus eigener Kraft bestreiten kann und deshalb in der Sozialhilfe landet, ist das Frustpotenzial gross. 

Wie nehmen Sie die Personen wahr, die das Sozialamt aufsuchen?
Wir betreuen Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Schicksalen. Das Profil eines klassischen Sozialhilfeempfängers gibt es nicht. Viele sind beschämt, wenn sie merken, dass sie es allein nicht schaffen und auf Sozialhilfe angewiesen sind. Das zeigt sich auch darin, dass unsere Hilfe oft zu spät in Anspruch genommen wird.

Welche konkreten Schritte werden unternommen, um den Betroffenen zu helfen?
Bei einem ausgewiesenen Bedarf sichern wir die Existenz und versuchen zu verstehen, wo die Probleme liegen. Diese sind oft vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint. Es geht nicht nur um Geld oder Schulden, sondern häufig auch um gesundheitliche, familiäre oder andere Herausforderungen. Auf dieser Grundlage entwickeln wir individuelle Lösungen. Jemand mit negativen Erfahrungen im Berufsleben braucht eine andere Unterstützung als ein alleinerziehender Familienvater oder eine suchtkranke Person. 

Wie wichtig ist die persönliche Beziehung zu den Klientinnen und Klienten?
Eine Vertrauensbasis ist entscheidend. Die Betroffenen haben teilweise sehr komplexe Lebensgeschichten. Für viele sind wir die einzigen Bezugspersonen. Trotzdem wahren wir immer eine professionelle Distanz. Unser gemeinsames Ziel ist es, die Situation möglichst rasch und gezielt zu verbessern. Wenn man sich gegenseitig mit Respekt und Empathie begegnet, funktioniert diese Zusammenarbeit besser.

Was sind die grössten Herausforderungen in Ihrem Beruf?
Die grösste Herausforderung ist es, wenn die Klientinnen und Klienten die bestehenden Rahmenbedingungen nicht respektieren oder Grenzüberschreitungen stattfinden. Glücklicherweise spüren wir aber auch viel Dankbarkeit. Ein Grossteil der Betroffenen schafft es innerhalb eines Jahres, nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen zu sein.

Rouven Michel leitet ein Team mit zwölf Personen, das sich um die Sozialhilfe und die Alimentenhilfe kümmert.
Rouven Michel leitet ein Team mit zwölf Personen, das sich um die Sozialhilfe und die Alimentenhilfe kümmert.

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