Sie arbeiteten bis zu 16 Stunden am Tag

3. Juni 2026
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts besuchten die meisten Herisauer Schülerinnen und Schüler den Unterricht halbtags. Sie waren daneben im Erwerbsleben tätig: vor allem mit Weben, Spulen und in Fabriken. 

«Schulbildung ist das beste Kapital, das jeder Vater seinen Kindern hinterlassen kann. Volksbildung ist die Grundlage der materiellen Wohlfahrt, sowohl jedes Einzelnen, als auch des Allgemeinen.» Herisaus Gemeindehauptmann Johann Jakob Hohl sagte dies im Jahre 1872. Es war ein Plädoyer für höhere Lehrerlöhne. Die Abstimmung zeigte 377 Befürworter und 323 Gegner.

Die Grundlagen für die Bildung waren lange in den Händen der Kirche gewesen. 1823 hatte Pfarrer Johann Jakob Walser zur Äufnung eines Schulfonds und zur Bildung einer Schulkommission aufgerufen. Elf Jahre später übernahm die Kirchhöri die Besoldung von neun Lehrern. Bis 1914 besuchte die Mehrheit der Kinder die Schule nur halbtags. Die älteren gingen am Vormittag zum Unterricht, die jüngeren am Nachmittag. 1912 lag die durchschnittliche Zahl von Schülerinnen und Schüler pro Lehrkraft an den Herisauer Ganztagesschulen bei 52, an den Halbtagesschulen bei 70 (je zur Hälfte am Vormittag und am Nachmittag). 

Sechs bis neun Rappen pro Stunde
Im Jahre 1866 gab es in Herisau 1668 Schülerinnen und Schüler. 21 Prozent von ihnen waren mit Spulen beschäftigt, 13 Prozent mit Weben, 20 Prozent in Fabriken und 4 Prozent in der Landwirtschaft. Dabei gab es je nach Bezirk grosse Unterschiede. In der Müli war mehr als die Hälfte der schulpflichtigen Kinder in Stoffdruckereien und Appreturen (Textilveredelungsbetrieben) tätig. Die älteren arbeiteten bis zu 16 Stunden am Tag, die jüngeren bis zu zehn Stunden – für sechs bis neun Rappen Stundenlohn. 

Das eidgenössische Fabrikgesetz (das in Herisau wie in Ausserrhoden abgelehnt wurde) setzte 1877 Grenzen bezüglich Kinderarbeit: Die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahre war verboten und die Höchstarbeitszeit für alle Arbeitnehmer auf elf Stunden täglich beschränkt. Die Landwirtschaft und die textile Heimindustrie unterstanden jedoch dem Gesetz nicht. Kinderarbeit war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts weit verbreitet.

Die Angaben stammen aus dem Buch «Die Gemeinde Herisau», erschienen im Appenzeller Verlag 1999.


Historisches in Kürze 
1829: Das erste gemeindeeigene Schulhaus wird im Saum eingeweiht, drei Jahre später entstehen Schulhäuser im Wilen, in der Unteren Fabrik und im Ifang.
1834: Die Zeit des modernen Volksschulwesens in Herisau beginnt mit der Schaffung kostenloser Primarschulen, sogenannter Freischulen.
1861: Die Gemeinde übernimmt die zuvor privat geführte Realschule.
1874: Der Unterricht auf der Primarstufe wird in der Bundesverfassung für obligatorisch erklärt.

Die vornehm gekleidete 7./8. Klasse Landhaus im Schuljahr 1884/85 mit einigen Knaben in Kadettenuniform. (Bildquelle: Historischer Verein Herisau und Umgebung)
Die vornehm gekleidete 7./8. Klasse Landhaus im Schuljahr 1884/85 mit einigen Knaben in Kadettenuniform. (Bildquelle: Historischer Verein Herisau und Umgebung)

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